Der Kanzler der Einheit

22.06.2017, dK
Der Kanzler der Einheit
Quelle: Medienservice Siegfried Heiß 
Begrüßung im Juli 2004 vor dem Konzerthaus von links: Minister und Kreisvorsitzender Rudi Köberle, MdB Andreas Schockenhoff, Altkanzler Helmut Kohl, Ministerin Annette Schavan, Stadtverbandsvorsitzender August Schuler, Oberbürgermeister Hermann Vogler.
 
Erinnerungen an den Politiker und Menschen Helmut Kohl
von August Schuler, MdL, CDU Stadtverband Ravensburg
Der Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas war den Menschen in Oberschwaben verbunden

Einsatz für Helmut Kohl im Wahlkampf 1976 - Freiheit statt Sozialismus 
Erste politische Erfahrungen als junge Wahlkampf-Helfer konnten wir Ravensburger Schüler im  "Super-Wahljahr" 1976 sammeln.  Zuerst konnte Ministerpräsident Hans Filbinger im April seine absolute Mehrheit in Baden-Württemberg mit 56,7 % ein zweites Mal ausbauen. Der Ravensburger CDU Kandidat war der spätere Staatssekretär Alfons Maurer (MdL von 1976 - 1990), er trat die Nachfolge von Landwirtschaftsminister Dr. Friedrich Brünner (MdL von 1956 - 1976) an.  "Aus Liebe zu Deutschland - Freiheit statt Sozialismus" war dann das (nicht unumstrittene) zentrale Wahlkampfmotto der CDU für die Bundestagswahl im Oktober  1976. "Freiheit"  sollte die  demokratische "Bonner Republik" und ihre Westintegration in dar damaligen EWG und der NATO symbolisieren, "Sozialismus" auf das politische  Unrechtssystem der damaligen DDR hinweisen. Diese Polarisierung hatte uns CDU-Wahlkämpfer elektrisiert, motiviert und begeistert. "Unser Kandidat" Helmut Kohl konnte mit 48,6 % ein Spitzenergebnis für die Unionsparteien erkämpfen. Obwohl er von vielen Medien als "pfälzischer Provinzpolitiker" aus Mainz  geschmäht wurde. Trotzdem konnte Helmut Schmidt Bundeskanzler einer SPD/FDP-Koalition bleiben. Das löste bei uns leidenschaftlichen und ungestüm-jugendlichen Wahlkämpfern starke Enttäuschungen aus. Wir ahnten nicht, dass dieses phänomenale Wahlergebnis von 1976 das Fundament für Helmut Kohls Amtsübernahme als Bundeskanzler im Herbst 1982 war. Er ging zunächst als Oppositionsführer und Fraktionsvorsitzender nach Bonn, wenige Jahre darauf zog Helmut Kohl an seinem innerparteilichen Wettbewerber CSU-Chef Franz-Josef Strauß und SPD-Kanzler Helmut Schmidt vorbei und wurde am 1. Oktober 1982 Bundeskanzler. Imponiert hatten uns bis dahin Helmut Kohls politische  Steherqualitäten, seine Beständigkeit und sein Durchhaltevermögen, seine mediale Standhaftigkeit und Unabhängigkeit, seine Modernisierung und Umformung der Union zur Volkspartei, sein Einsatz für eine Politik mit Tiefgang: "Eine Politik ohne Werte ist wertlos, ohne geistige Perspektive verliert sie Realität, Richtung und Sinn."

Der Kanzler für Deutschland auf dem Marienplatz 1990 - Gemeinsam schaffen wir es
Im Januar 1990 konnte ich politisch und beruflich mit Weggefährten das erste Mal Sachsen, Dresden und unsere künftige Partnerstadt Coswig erleben. Der unbedingte Wille der Menschen die "deutsche Einheit" zu erringen, beeindruckte uns zutiefst. Wir standen etwa mit den neuen Freunden aus Coswig an der Ruine der Frauenkirche in Dresden. Sie erzählten mit Tränen in den Augen von ihrem Dabeisein am Abend des 15. Dezember 1989 und der bewegenden Rede von Bundeskanzler Helmut Kohl und seinen Worten: "Mein Ziel bleibt - wenn die geschichtliche Stunde es zuläßt - die Einheit unserer Nation. Und daß diese Stunde kommt, daran glaube ich". Volkskammerwahlen im März, Kommunalwahlen im Mai, Landtagswahlen im September, erste gesamtdeutsche Bundestagswahlen im Dezember. Das Jahr 1990 war wesentlich bestimmt durch eine Dauerabfolge von Wahlen in den "neuen" Bundesländern. Wir waren im "Wahleinsatz" in unserer Partnerstadt Coswig und unterstützten unseren dortigen CDU-Partnerverband. Zeit, Entfernung, Arbeit und jegliche Mühen spielten keine Rolle - wir sahen uns  beflügelt als "Botschafter der Demokratie" und "verlängerten Arm" unseren Bundesvorsitzenden und Kanzlers Helmut Kohl. Zwei politische Höhepunkte gab es auch in Ravensburg. Der dritte Oktober 1990 und damit die deutsche Einheit. Am Vorabend zogen wir mit einer großen Zahl von Mitgliedern und Bürgern - organisiert von der CDU Ravensburg und dem CDU Kreisverband - über die Marktstrasse auf die Veitsburg. Um Mitternacht sangen wir das "Lied der Deutschen". Wenige Wochen später begrüßten wir Helmut Kohl auf dem Marienplatz zu einer Wahlkundgebung. Der Bundeskanzler war umrahmt vom jungen Kandidaten Dr. Andreas Schockenhoff (MdB von 12/1990 - 2014), von Oberbürgermeister Hermann Vogler (OB von 1987 - 2010) und vom damaligen CDU Stadtverbandsvorsitzenden Franz Wachter. Es regnete in Strömen, das tat jedoch der Begeisterung der großen Menschenmenge keinen Abbruch. Die erste gesamtdeutsche und vorgezogene Bundestagswahl vom 2.12.1990 stand ganz im Zeichen der Wiedervereinigung, Helmut Kohl konnte mit der CDU/CSU 43,8 % erreichen und erneut mit der FDP die Regierung stellen.

Der Altbundeskanzler und Ehrenbürger Europas im Konzerthaus Ravensburg 2004
Im Juli 2004 fand im Konzerthaus Ravensburg eine große Festveranstaltung zum 100. Geburtstag von Kurt Georg Kiesinger, dem ehemaligen Ministerpräsidenten (1958 - 1966) und Bundeskanzler (1966 - 1969) statt. Er vertrat ab 1949 in seinen ersten Legislaturperioden im Bundestag den Wahlkreis Ravensburg. Kiesinger ging als  Universitätsgründer (Konstanz und Ulm) in die Landesgeschichte ein. Außerdem trug er wesentlich zur inneren Stabilisierung des jungen, erst 1952 gegründeten Landes Baden-Württemberg bei. Als Festredner konnte der CDU Bezirksvorsitzende Andreas Schockenhoff den Altbundeskanzler Helmut Kohl gewinnen. Die lange Autofahrt über mehr als 300 km von Ludwigshafen-Oggersheim bis nach Ravensburg waren ihm nicht zuviel gewesen, ja Helmut Kohl legte zunächst Wert auf einen Privatbesuch im Hause Schockenhoff. Das war ein deutliches Zeichen seiner Wertschätzung für den Ravensburger Bundestagsabgeordneten und Außenpolitiker. Da blitzte einmal mehr das "Netzwerk" Helmut Kohls auf, das über Jahrzehnte auf "Männerfreundschaften" und persönlichen Begegnungen aufgebaut war. Vor dem Konzerthaus begrüßten dann Oberbürgermeister Hermann Vogler, Kultusministerin Annette Schavan, Kreisvorsitzender und Minister Rudolf Köberle, Andreas Schockenhoff und Stadtverbandsvorsitzender August Schuler den Altkanzler. Helmut Kohl, das war zu spüren, war "bester Stimmung". Seine "dunklen Jahre", die nach Spendenkrise, Ehrenwort und Rückgabe des Ehrenvorsitzenden in den Freitod seiner Ehefrau Hannelore im Juli 2001 mündeten, schienen hinter ihm zu liegen. Das Konzerthaus war bis auf den letzten Platz besetzt, die Türen zum Foyer mussten für weitere Zuhörer geöffnet werden. Der Historiker Helmut Kohl würdigte souverän die Verdienste seines Vorvorgängers Kiesinger als Bundeskanzler, als Außenpolitiker und als Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Die zentralen Stationen seiner eigenen Politik zwischen Einheit und einem in Europa fest verankerten Deutschland ließ Kohl naturgemäß nicht aus. Einmal mehr beschwor er "Frieden und Freiheit in einem geeinten Europa" und skizzierte dabei die Chancen der jungen Generation und des wiedervereinigten Deutschland: "Wir wollen ein friedfertiges Europa schaffen. Ein Europa, das stark genug ist, den Frieden auf unserem Kontinent zu sichern, kann auch einen aktiven Beitrag zum Frieden der Welt leisten." Nach einer grandiosen politischen "Geschichtsstunde" folgte der "Nachtreff" im "Waldhorn-Saal" am Marienplatz. Sternekoch Albert Bouley hatte gastfreundlich aufgetischt, einer fröhlichen Feierrunde stand nichts im Wege. Außer der Dankesrede von CDU-Chef August Schuler, die von Helmut Kohl jovial abgekürzt wurde: "Schuler, mach mal schneller, wir wollen jetzt essen, trinken und feiern!" So der Kanzler, der der Gästeschar um Ministerpräsident Erwin Teufel mit "Leibinger-Weizen" zuprostete und damit jeden weiteren Redebeitrag beendete. Zuvor hatte der Kanzler vor der benachbarte "Ratsstube" von Gastwirtin Claudia Haller-Schuler ein "Leibinger-Pils" geordert und seinen ersten Durst gestillt. Es war deutlich zu spüren, der leiblichen Genüssen gerne zusprechende Pfälzer Helmut Kohl ("Essen und Trinken - da steht für Freude am Leben." ) war den barocken Oberschwaben sehr verbunden und zugetan!